Dezember
27
2007
10:47
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Dieser und die in den nächsten Tagen folgenden Artikel zielen darauf ab, ohne viel Vorwissen einen effizienten Workflow für das korrekte Belichten eines Bildes aufzubauen. Es werden keine physikalischen und optischen Gesetze erklärt, denn damit ließen sich bereits einige Bücher guter Autoren füllen. Diese Grundlagen sind natürlich für das Verstehen sehr wichtig, was wiederum für das Entwickeln eigener Strategien nötig ist. An dieser Stelle sei also auf entsprechende Grundlagenbücher der Fotografie verwiesen (“Fotografieren“ von John Hedgecoe ist bspw. sehr empfehlenswert). Für die Praxis reichen aber ein paar vereinfachte Grundlagen, um gute Belichtungen zu erzielen. Der Ausschuss wird mit der Zeit und Erfahrung immer weniger werden, auch wenn es eigentlich in Zeiten von Instant-Preview und großen Speicherkarten egal sein könnte. Es lassen sich aber einige unnötige Test-Schüsse zum „Raten der Belichtung“ einsparen und generell fühlt es sich einfach professioneller an, die Kamera gezielt einzustellen, statt brutal durch die Gegend zu schießen… Immerhin erlaubt ein geschultes Wissen Fotos on-the-fly zu machen.

Die Belichtung

Um ein Foto korrekt zu belichten, gilt es 3 Parameter in Einklang zu bringen. Blende, Verschlusszeit und ISO-Empfindlichkeit.

Als Anschauungsbeispiel für die wichtigen ersten beiden Parameter wird hierfür gerne folgendes gewählt: Man stelle sich das Befüllen eines Glases mit Wasser aus einem Wasserhahn vor. Korrekt befüllt wäre dieses Glas zu einem bestimmten Füllstand und als Pendant zu Blende und Verschlusszeit gelten hierfür die Weite der Öffnung des Wasserhahns (Blende) und die Zeit, in der der Wasserhahn geöffnet bleibt (Verschlusszeit). Die ISO-Empfindlichkeit lässt sich nicht richtig in dieses Konzept einbringen, wird aber problemlos an späterer Stelle separat erläutert werden. Es ist leicht verständlich, dass nur gewisse Kombinationen aus Öffnungsweite und Öffnungszeit des Wasserhahns zur korrekten Befüllung des Glases führen. Ebenso verhält es sich mit der korrekten Belichtung eines Fotos. Ist der Wasserhahn nur gering geöffnet, muss dieser länger geöffnet bleiben, um das Glas mit Wasser zu füllen und vice versa.

Die Blende reguliert also den Umfang an Licht, der durch das Objektiv auf den Sensor trifft und die Verschlusszeit regelt, wie lange die Blende geöffnet bleibt. Große Blendenöffnungen haben geringe Blendenwerte (bspw. f/3.5), geringe Blendenöffnungen hingegen große Werte (bspw. f/16). Die Verschlusszeit wird in Sekunden bzw. Sekundenbruchteilen angegeben. Oftmals wird der Zusammenhang zwischen Blendenwert und Verschlusszeit anhand von Formeln näher erläutert, doch in der Zeit der digitalen Kameras wird dieses Wissen eher aufhalten. Einfacher ist es vom sog. EV-Wert für Exposure-Value oder zu deutsch „Lichtwert“ zu sprechen, wenngleich das Wissen um den mathematischen Zusammenhang von Blende und Verschlusszeit aufschlussreich sein kann. Der EV-Wert repräsentiert die Kombination aus Blende und Verschlusszeit und gibt die daraus resultierende Belichtung an. Es genügt zu wissen, dass die von der Kamera gemessene Belichtung in EV-Schritten korrigiert werden kann. Die meisten Kameras erlauben Belichtungskorrekturen in ⅓- oder auch ½-Schritten. Auch die Einstellung der Blenden‑ und Zeitwerte passiert in diesen ⅓- oder ½-Schritten.

Beispiel: Die Canon EOS 400D arbeitet in der Werkseinstellung mit ⅓-Schritten. Verändert man den Blendenwert 3 mal, hat man die Belichtung um 1 EV verschoben. Ebenso verhält es sich mit der Verschlusszeit! Wie man sieht, ist es nicht wichtig zu wissen, wo groß ein Blendenschritt ist oder in welchen Zeit-Intervallen die Verschlusszeit eingestellt werden kann. Alle Parameter lassen sich in Bruchstücken der Einheit EV einstellen und das ist das einzig Wichtige.

Ein weiteres Beispiel zur Erläuterung: Um nach einer Veränderung der Blende um 1 EV-Wert (also 3 Schritte an der 400D) die Belichtung wieder zurück zu korrigieren, müsste die Verschlusszeit um genau 1 EV-Wert (ebenfalls 3 Schritte an der 400D) in die andere Richtung verstellt werden.

Bei der ISO-Empfindlichkeit handelt es sich um einen zusätzlichen Faktor, der die Belichtung beeinflusst. Bei analogen Kameras hat der ISO-Wert die Empfindlichkeit des Films auf Licht angegeben. Filme mit höherem ISO-Wert reagierten demnach empfindlicher auf Licht. An dieser Stelle wird sicher deutlich, dass sich dieser Parameter nicht mit dem obigen Beispiel vereinen lässt. Den Wechsel zur digitalen Kamera hat dieser Wert aber dennoch überlebt und seine Bedeutung weicht kaum von der ursprünglichen ab. Bei digitalen Kameras, die mit einem digitalen Sensor statt eines Films ausgestattet sind, gibt der ISO-Wert die Signalverstärkung des Sensors an. Hohe ISO-Werte bedeuten eine hohe Verstärkung des Sensorsignals, während geringe ISO-Werte das Signal kaum oder gar nicht verstärken. In der analogen und der digitalen Kamerawelt führen hohe ISO-Werte zum eher ungewünschten Rauschen, bei Analogfilmen sprach man hierbei auch vom Korn (der Körnung) des Films, das sichtbar wurde (siehe Abbildung 1). ISO-Werte sind meist in Abstufungen von 100, 200, 400, 800, 1600, 3200 usw usf angegeben.

Eine Verdopplung des ISO-Werts resultiert in einer Belichtungssteigerung von 1 EV (eine Halbierung in einer Belichtungsminderung um 1 EV). Um die Belichtung also wieder beizubehalten, kann als Ausgleich entweder die Blende oder die Verschlusszeit um 1 EV verringert (vergrößert) werden. Es ist natürlich auch möglich, eine beliebige Kombination aus Blenden‑ und Zeitveränderung, die ebenfalls 1 EV-Wert beträgt, als Ausgleich zu nutzen.

ISO Rauschen
Abbildung 1: deutlich sichtbares Rauschen (Körnung) bei ISO 1600

Letztendlich noch eine recht simple Formel, die das Verhältnis der 3 wichtigen Parameter anschaulich verdeutlicht.

Belichtung = Blende + Verschlusszeit + ISO

Belichtung = (Blende + 1 EV) + (Verschlusszeit – 1 EV) + ISO

Belichtung = (Blende + ⅓ EV) + (Verschlusszeit + ⅔ EV) + (ISO – 1 EV)

Da jeder Parameter in der gleichen Einheit verändert wird, ist es möglich, dies mit einem oder mehreren anderen Parametern in die andere Richtung wieder auszugleichen, um die Belichtung (also die Summe der Parameter) gleich zu halten.

Im nächsten Artikel werden die einzelnen Aufnahmemodi wie Programmautomatik, Blendenpriorität und Zeitpriorität erläutert.

« Digitale Spiegelreflexkamera – Belichtung meistern (Teil 1)
Der schlechteste und dreisteste Diebstahl »
 
Dezember
27
2007
21:40

Timo

Sehr schöne Erklärung!
Das Wasserglas ist noch gut für Einsteiger, ab dem EV-Wert muß man mitdenken…
Ich würde gerne hinzufügen, daß man beim ISO-Wert immer den Vergleich zur analogen Kamera vor Augen halten sollte: In vielen Tests werden Digital-Kameras aufgrund verstärkten Rauschens bei hohen ISO-Werten empfindlich abgewertet. Ein Unsinn wenn man bedenkt, wie grobkörnig es ab ISO 400 bei analogen Kameras wird! Warum sollen digitale Kameras bei vergleichbaren Werten besser sein?

Dezember
27
2007
21:44

Vielen Dank! Zum Thema ISO analog vs digital: ISO 400 ist bei DSLRs wirklich nicht tragisch, ich habe von ISO 400 Bildern schon sehr sehr schöne 20 × 30cm Abzüge machen lassen. Das Rauschen stört nur sehr gering, wenn man die ver-4-fachung der Lichtstärke bedenkt! Außerdem muss auch immer im Hinterkopf behalten werden, dass es sehr gute Entrauschsoftware gibt und Fotos einfach nicht auf 100 % Zoom betrachtet werden dürfen, analoge Fotos hat man auch nicht mit der 3-fach-Lupe betrachtet.

Dezember
30
2007
19:10

[…] Teil 2 Belichtung meistern Grundsätzliches zu Blende, Verschlusszeit und ISO-Empfindlichkeit. […]

Dezember
31
2007
13:11

uiui, das ewige spiel mit blende, belichtung und der iso. ich könnte das alles kaum plausibel erklären!
das beispiel mit dem wasserhahn und dem glas ist dir gut gelungen! würde gern mal wissen wie ein totaler anfänger damit umgehen kann. ach ja, ein paar mehr beispielfotos sind immer hilfreich – finde ich! aber ich les erstmal weiter bevor ich mecker 🙂
ach ja: gibt auch bald nochmal ein paar fotos von der letzten session. die müssen aber erst noch durch den photoshop!

April
16
2008
21:00

Mir kam da grad nur eine (dumme?) Idee:
Wenn Blende die Wassermenge, und Zeit eben die Zeit ist, vielleicht könnte man ISO dann als Größe des zu befüllenden Glases ansehen?

April
16
2008
23:16

@Sam:
Den Vergleich finde ich sehr gut!!!

April
28
2008
15:10

megamike

„Die ISO-Empfindlichkeit lässt sich nicht richtig in dieses Konzept einbringen, wird aber problemlos an späterer Stelle separat erläutert werden.“
Die Iso-Empfindlichkeit könnte man bei Flüssigkeiten auch als die Viskosität bezeichnen. Also eher ein Hahn an einem Ölfass. Je dicker das Öl (kleiner Wert) desto größere Verschlusszeit und größere Blende……

April
28
2008
15:18

@megamike:
Ich muss Dir (wie Sam) zustimmen: das fügt sich perfekt ins Konzept ein! Kleiner Tipp nur: ich versuche wenn möglich nicht die Begriffe „große“ und „kleine“ Blende zu verwenden, weil sie reziprok zum Blendenwert sind. Große Blende = kleiner Blendenwert und umgekehrt. Das stiftet oft Verwirrung, weshalb ich lieber von „offener/geschlossener Blende“ spreche. Dabei entsteht dann bei den meisten Lesern gleich das Bild der Blende vor dem geistigen Auge und alles ist eindeutig.

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